Vorwort von Georg Helmecke

Gerhard Helmecke war im wahrsten Sinne ein Genie. Diese Behauptung geht nicht nur davon aus, dass er mein Vater war, sondern basiert sich auf die einmaligen Leistungen die auf dieser Webseite genauer beschrieben werden.

Es ist nicht zu bestreiten, dass er ein energischer Mensch war und schwierig sein konnte. Es war oft nicht leicht mit ihm auszukommen, nicht nur für seine Angestellten und Arbeiter, sondern auch für seine Familie. In dieser Beziehung kann Ich diese Neigung persoenlich bescheinigen in dem wir uns oefter maechtig stritten, so weit dieses ueberhaupt moeglich war. Denoch war er ein grosses Talent.

Er war fast sein ganzes Leben davon besessen, eine bestimmte Richtung zu verfolgen. Diese Einstellung war ganz der Gegensatz zu seinem Vater: dieser befasste sich hin und wieder mit den verschiedenen Projekten, aber führte schliesslich keines davon erfolgreich zu Ende.

“Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln”, sagte mein Vater immer; “Nicht die Flinte gleich ins Korn Schmeißen”…

Damit war sein Vater gemeint und er bestand darauf nicht dieses "hin und her" zu wiederholen.

Unglücklicherweise wurde ihm diese eiserne, oftmals unflexible Lebensansicht am Ende zum Verhängnis.

Mein Vater wurde am 2. Dezember, 1918 in Neue Schleuse, in der Nähe von Potsdam, geboren, der jüngere von zwei Brüdern. Sein Vater war Ingenieur von Beruf und zuweilen Buergermeister der Ortschaft. Sein Bruder wurde Mathematiker, dann Astrologe. Nebenbei beherrschte er nicht weniger als 7 Sprachen, darunter Latein, Griechisch und Hebraeisch.

Nicht so intellektuell wie der Bruder, war er dagegen ein selbstaendiger, strebsamer, fleißiger und sparsamer Junge, der oft in der nahegelegenen Havel nach Kohlestücken tauchte, die manchmal von den Kähnen beim Transport ins Wasser fielen.

Die Veranlagung zur Sparsamkeit hatte er von seiner Mutter, die stehts betonte: “Wer den Pfennig nicht ehrt ist des Talers nicht wert”.

Eher unpassend zu seinem Charakter, galt sein erstes Interesse nicht der Technik, sondern der Backkunst. Er wollte eigentlich Bäcker lernen, und versuchte, seinen Vater zu überzeugen, ein Café mit Kino aufzumachen. Es war zu der Zeit eine recht fortschrittliche Idee, die ihm auf die Dauer ein weit besseres, verhältnismässig sorgloses und ohne Frage längeres Leben beschert hätte.

Am Ende aber konnte er seinen Vater nicht dazu bewegen, seinen Plan auszuführen.

Danach entschloss er sich, Werkzeugmacher zu lernen, und wurde Lehrling bei der weltbekannten Optikfirma Nitsche und Günther, Rathenow (NiGuRa). Zum Abschluss seiner Lehre machte er dort vor Kriegsbeginn seine Gesellenprüfung. Vom Meister bekam er eine ungewoenlich positive Bewertung.

 

Noch vor dem Krieg trat er in die Luftwaffe ein. Nach dem Abschluss seiner allgemeinen Grundausbildung wurde er der Waffenmeisterei für Jagdflieger unterstellt.

So kam er mit seiner Kompanie im ersten Kriegsjahr nach Holland, und dann nach Frankreich. In den folgenden Jahren weiter nach Polen, und östlich in die Ukraine. Die Fliegerhorste wurden oft verlagert, je nach der Verschiebung der Front.

Am 2. März 1943 heiratete er Ursula Heinrichs, die er noch vor dem Krieg in Rathenow kennengelernt hatte. Genau an dem Tag, zwei Jahre später, fiel der Bruder meiner Mutter im Rheinland. Danach wurde der Hochzeitstag nie wieder gefeiert.

Die restlichen Kriegsjahre hat er, glücklicherweise, unversehrt überstanden, aber der Krieg nagte für immer an seiner Seele, da er sechs Jahre seines Lebens dadurch verloren hatte.

Bei Kriegsende befand er sich in der Nähe von Berlin. Die Luftwaffe-Uniform wurde gegen Zivilkleidung umgetauscht. Er entkam die russische Kriegsgefangenschaft nur dadurch,dass er sich als französischer Zwangsarbeiter ausgab. Seine früher erlernten Sprachkenntnisse hatten ihm diese List ermöglicht. Um auch oberflächlich französisch auszusehen, liess er sich einen Schnurrbart wachsen und trug einfranzösisches Barett. Gottweiß, wo er dieses gefunden hat. Bei der ganzen Angelegenheit hatte er großes Glück dass keiner der Rotarmisten Französisch sprach.

Einige Monate lang arbeitete er sogar als Bäcker für die Rote Armee. Seine Backwaren wurden bei Bedarf mit Holzspänen ergänzt, wenn das vorhandene Getreide nicht ausreichte.

Die wertvollen Kontakte, die er dort knüpfte, ermöglichten es ihm,Verpflegung zu “organisieren”, die sonst nicht zu haben waren. So wurden lebenswichtige Nahrung sowie auch Kleidung unter den Familienmitgliedern verteilt. Zur Frust meines Vaters verteilte seine "zu" gutmütige Frau einen großen Teil davon an die hungernde Nachtbarschaft.

Flucht in den Westen

Mein Vater war sich schon sehr früh im Klaren, dass es für ihn in der sowjetischen Besatzungszone keine Zukunft geben könnte, also entschloss er sich in kurzer Zeit, mit seiner Frau in die britische Zone zu flüchten.

Doch war zu dieser Zeit das Reisen zwischen den verschiedenen Zonen nicht erlaubt.

Mit einigen tragbaren Habseligkeiten und ein paar Butterbroten begann die abenteuerliche Reise per Güterzug in den Westen. Es wurde eine Höhle in einem Kohlenwaggon ausgeschlachtet, ein Holzdeckel darauf gelegt, und Kohle darüber verteilt. Dieser unbequeme Schlupfwinkel machte die Grenzüberfahrt möglich.

Am Ende der Reise befanden sie sich in Wattenbek, Ende 1946, mit nichts.